Ein Teil von Allem

Während du die Schwelle übertrittst, begleiten dich noch deine letzten Gedanken. Du fühlst dich plötzlich viel leichter und ein Stoß purer Energie durchfährt deinen Körper.

Du atmest ein. Zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig tief und frei. Dann öffnest du die Augen. Und du siehst um dich herum dieses endlose Meer aus weißem Sand.

Du fühlst dich lebendig, agil und gesund. So hast du dich schon lange nicht mehr gefühlt. Während du diesen lang vermissten Zustand genießt und dich fragst, wo du eigentlich bist, hörst du hinter dir eine durchdringende Stimme:

„Fürchte dich nicht.“

Du drehst dich um und stehst dieser galaktischen Gestalt gegenüber, so dunkel, dass sie das Licht selbst zu verschlingen scheint. Doch durchbrochen wird diese Dunkelheit von leuchtenden Punkten, die sich wie Sterne zu Galaxien formen und dir das Gefühl geben, von unzähligen Augen gleichzeitig beobachtet zu werden.  Ihre Form entzieht sich deinem Blick. Je mehr du versuchst, sie zu erfassen, desto undeutlicher wird sie.  Was jedoch unverkennbar ist, ist die weiße Maske, die sie trägt.  Mit einem Gefühl der Ehrfurcht schießt dir der Gedanke durch den Kopf: „Du bist groß.“

Als hätte die Gestalt verstanden, beugt sie sich langsam zu dir herunter. Dabei scheint sie sich mit einer unendlichen Anzahl von Einzelteilen in einer perfekten Choreografie zu bewegen. Du glaubst, schemenhaft Hände, Arme und Füße erkennen zu können. Doch die Bewegung ist so fließend, dass es unmöglich einzelne Gliedmaßen sein können. Sie verbiegt sich so, dass die Maske nun direkt auf deiner Augenhöhe ist und dich fast fragend anblickt.  Als würdest du einer unausgesprochenen Aufforderung folgen müssen, beginnst du mit dem Ersten, was dir in den Sinn kommt: „Wer bist du? Wo bin ich? Bin ich …“ Die letzte Frage traust du dich nicht zu Ende zu denken.

„Deine Zeit neigt sich dem Ende“, brummt es aus der Gestalt mit einem warmen, beruhigenden Ton.

„Zeit? Ich dachte, ich habe noch etwas mehr …“

„Das denken fast alle“, bemerkt die Gestalt fast wehmütig.

„Aber was ist mit meiner Frau? Sie war doch eben noch ganz nah an meiner Seite. Meine Kinder? Was wird aus ihnen?“

Der Ausdruck der Maske wandelt sich. Die einst schwarzen Löcher der Augen wirken plötzlich freundlich, fast gütig. Mit der Bewegung von tausenden Armen wandert eine Hand zu deinem Kopf und streichelt ihn sanft. Die Berührung löst in dir ein Gefühl von Güte und Geborgenheit aus.

„So gefällt mir das“, sagt die Gestalt. „Deine Gedanken sind ganz bei deinen Liebsten.“

Mit der Hand zeichnet sie filigrane Figuren in den Boden. An der Stelle, an der sie den Sand berührt, färbt er sich schwarz. Du schaust ihr erstaunt zu. Während kunstvoll und beschwingt vertraute Gesichter entstehen, erklärt sie:

„Du hinterlässt viele Menschen, die um dich trauern werden: deine Frau, eure Kinder, deine Enkel, deine Mutter, deinen Bruder und seine Frau und auch all die anderen, die dir nahestanden. Du hast ihnen viel bedeutet. Deine Art zu lieben wird über Generationen hinweg weitergetragen werden. Deine Geduld und deine Ruhe werden auch noch den Kindern der Kinder deiner Kinder ein Vorbild sein. Du hast ihnen gelehrt, ein guter Ehemann, Familienvater und verlässlicher Freund zu sein. Du hast ihnen gezeigt, wie man Dinge mit den eigenen Händen baut, wie man Werkzeug benutzt und wie man ganze Wohnungen renoviert. Du hast ihnen Resilienz beigebracht und dass man sich Konflikten stellen muss, statt vor ihnen wegzulaufen. All dies wird für alle Zeiten ein Teil ihrer Geschichte bleiben. Sie werden dein Vermächtnis weitertragen und sich lange an dich erinnern.“

Du blickst auf die Figuren im Sand und versuchst, sie zu greifen, doch als du deine Hände wieder hebst, rieseln nur die Sandkörner leise zwischen deinen Fingern zu Boden.

Die Gestalt gibt dir einen Moment und sagt schließlich sanft: „Komm, ich zeige dir etwas.“ Mit einem gewaltigen Windstoß entfaltet sich ein riesiger schwarzer Flügel. Die Federn wirken wie eine Lawine aus Armen, die in die Luft schnellen, nur um neben der Gestalt sanft auf den Boden zu gleiten.

„Sie haben auf dich gewartet“, verkündet das galaktische Wesen.

Als sich der Flügel wieder hebt, siehst du an der Stelle im Sand einen kleinen schwarzen Körper, der aufgeregt mit dem Schwanz wedelt. Ein lautes Bellen hallt durch die Wüste.

„Benni!“, entfährt es dich voller Freude.

Tränen füllen deine Augen, während du deinen alten Freund mit einer herzlichen Umarmung begrüßt. Sein Fell fühlt sich warm und weich an. Weitere Male gleitet der Flügel zu Boden und enthüllt die weiteren vierbeinigen Wegbegleiter deiner Vergangenheit: Babsy, Bianca und Dara. Sie empfangen dich mit grenzenloser Liebe. Du nimmst sie alle in den Arm, streichelst ihr Fell und freust dich über ihre Wiedervereinigung.

Zwischen den Streicheleinheiten fällt dein Blick auf deine Hände. Es scheint, als würde die Schwärze der Gestalt auf dich übergehen. Fragend drehst du dich zu ihr um.

„Was passiert mit mir?“

Sie hält kurz inne, bevor sie antwortet.

„Das, was jedem widerfährt …“, sagt sie schließlich, während sich hinter ihr der galaktische Körper zu spalten scheint und Platz für eine einzelne Person freigibt, welche die Maske trägt.

Mit dem nächsten Satz lässt sie die Maske langsam zu Boden sinken:

„Du wirst wieder ein Teil von allem.“

Ihre Stimme wird mit jedem Wort vertrauter. Aus dem Meer an Sternen blicken dich nun nur noch zwei helle Punkte an. Ihr Blick ist voller Güte, und du erkennst endlich, wer sich aus dem Berg der Äonen herausgeschält hat.

„Vati!“, rufst du, während du mit Tränen der überschwänglichen Freude in die ausgebreiteten Arme deines eigenen Vaters rennst.


In liebevoller Erinnerung an

Andreas Meier
02.10.1963 – 21.03.2026

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